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Web 2.0: Enormes Entwicklungspotenzial

  • Zürich, 16.05.2007
  • Joachim Hagger
  • Netzwoche / Schweizer ICT-Jahrbuch 07

Joachim Hagger, CTO Netcetera, zeigt im ICT Jahrbuch auf, dass das  Web immer mehr traditionelle Medien und Kommunikationsmittel in Bedrängnis bringt.

Das lnternet ist heute für viele unverzichtbar. Besonders die jüngere Generation nutzt diese Plattform, um Unterhaltung zu konsumieren, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen und Infos nachzuschlagen. So verdrängt das Web immer mehr traditionelle Medien und Kommunikationsmittel.
 

Die Skeptiker, die sich nach dem Platzen der Dotcom-Blase darin bestätigt sahen, dass das lnternet nur eine vorübergehende Modeerscheinung ist, lagen falsch. Denn die Gesellschaft hat sich nicht vom neuen Medium abgewandt, sondern Lehren aus dem Crash gezogen. Mit Web 2.0 haben wir den wahren Nutzen des Webs erkannt und nutzen es deshalb mehr denn je. Während also die Web-Verbreitung und -Nutzung nicht mehr aufzuhalten sind, besteht durchaus noch Potenzial für die Weiterentwicklung des Webs.

Welche Eigenschaften zeichnen das web 2.0 aus?
  • Die Universalität der lnternetplattform wird genutzt. Der Browser ist meist die Applikationsplattform. HTTP das Netzwerkprotokoll. HTML die Dokumenten. Durch das Setzen auf Webstandards wird eine hohe lnteroperabilität gewährleistet.
  • Applikationen und Plattformen nutzen Skalierungseffekte. Die Dienste richten sich an die breite Masse und funktionieren auch nur mit ihr. Anstelle klassischer Werbung setzt Web 2.0 auf virales Marketing
  • Informationen, Daten und Inhalte werden demokratisiert und sozialisiert. Sozialisiert heisst, dass stark auf soziale Netzwerke (sog. Communities) gesetzt wird.
  • Beim Kampf auf dem Markt geht es mehr um Inhalte und Daten, weniger um Webapplikationen. Die Dominanz über Daten entscheidet über die Dominanz (Monopol) der Markstellung.
  • Standardisierte Webservice-Schnittstellen öffnen die Dienste für Drittanbieter. Die einfache Integrationsfähigkeit steigert die Verbreitung und macht das Web omnipräsent.
  • Die verzögerungsfreie Nutzung, unabhängig von Zeit, Ort und administrativen Hürden, macht die Angebote attraktiv.
  • Geschäftsmodelle basieren auf der erwarteten Profitabilität. Vielen Web-2.0-Angeboten ist gemein, dass über Klein- und Kleinstbeträge, multipliziert mit einer massiven Nutzung, Geld gemacht wird.


Die beiden entscheidendsten Veränderungen, die zur Webentwicklung beigetragen haben, sind eng aneinander gekoppelt:

  • Ausrichtung auf Nutzen und menschliche Bedürfnisse

Während früher irgendwelche Ideen, die mit dem Internet verbunden waren, automatisch als cool und Erfolg versprechend angesehen wurden, ist der Markt heute reifer und kritischer. Was kurzfristig keinen Nutzen bringt, wird gar nicht erst angegangen, und was langfristig keinen Profit abwirft – wobei langfristig bereits „ab zwei Jahren“ bedeuten kann - wird ebenso schnell aufgegeben, wie es das Herz erobern konnte. Die Nutzer sind in dieser Hinsicht viel „mobiler“ geworden und wechseln ihr Lieblingswebangebot genauso schnell wie ein Szenegänger sein Lieblingsrestaurant. Damit findet eine rapide Selektion darwinistischer Art statt. Das heutige Webangebot geht sehr stark auf die Grundbedürfnisse des Menschen ein: den Wunsch nach Gruppenzugehörigkeit, Kontakten, gegenseitigem Austausch, aber auch auf moderne Strömungen innerhalb der entwickelten Gesellschaft nach Individualität und Einzigartigkeit.

  • Keine Angebot ohne Profit

Geschäftsmodelle berücksichtigen heute von Beginn an auch die ökonomische Seite. Der Zeitpunkt, mit einer neuen Geschäftsidee auf dem Web auch Geld zu verdienen, ist viel näher an den Projektstart gerückt, wenn er nicht sowieso bereits Bestandteil der Startbedingungen ist. Typischerweise sind Basisangebote meist kostenlos, um die Leute zu ködern. Verdient wird am Vielnutzer, an Zusatzangeboten, an Schulungs- und Support-Dienstleistungen oder an Werbung. Diese Modelle bedingen, dass der Webdienst einen geldwerten Nutzen darstellt. Dabei werden Teile des Geschäftsmodells delegiert. Eine teure Marketingkampagne wird beispielsweise durch die Mund-zu-Mund-Propaganda innerhalb eines sozialen Netzwerkes weitgehend ersetzt Oder Nutzer werden für die Erstellung von Inhalten eingespannt. Diese Auslagerung spart viele Ressourcen bedingt jedoch, dass die Nutzer ernst genommen werden und vom Mitmachen selbst profitieren.

Was kommt als Nächstes?

Bereits wird über web 3.0 spekuliert: Kommt nun das „Semantic Web“ wirklich, ist „Software as a Service“ der nächste grosse Schritt oder rechtfertigen andere Ideen einen „Versionsschritt“ des Web auf 3.0? Dabei sollten wir nicht vergessen, dass noch ein paar Probleme allgemeiner Art innerhalb des Webs gelöst werden sollten. Bezüglich des Umgangs mit Rechten, rechtmässiger Nutzung, Lizenz- gebühren und Patenten vertragen sich die länderspezifischen Regelungen sehr schlecht mit dem globalen Web. Hier wird die Politik zusammen mit der Wirtschaft gefragt sein, praktikable und faire Lösungen zu finden. Einerseits muss den Leistungs- oder Content-Erbringern erlaubt sein, kommerziellen Nutzen aus dem Web zu ziehen und damit auch längerfristige Investitionen zu sichern. Andererseits darf das Rechtssystem keinesfalls eine sinnvolle Nutzung oder Weiterentwicklung blockieren. Im Umgang mit digitalisierten Inhalten und Dienstleistungen ist zudem auch die Besteuerung zu klären. Ein anderer Bereich betrifft die Nutzung des Webs 2.0 im mobilen Einsatz. Hier sind noch keine durchschlagenden Lösungen sichtbar. Zwar scheinen sich neben der Sprachkommunikation und SMS noch weitere Dienste wie E-Mail-Empfang und lnstant-Messaging langsam auf mobilen Endgeräten durchzusetzen, aber die Killerapplikation lässt nach wie vor auf sich warten.

Mit dem Web 2.0 machen wir nicht alles besser und richtig. Aber es ist zu hoffen, dass jeder Schritt Verbesserungen bringt, weil sich gemachte Fehler selten wiederholen.