Auch dieses Jahr wird uns die dynamische «Apponomy» zahlreiche neue Icons auf dem Mobiltelefon bescheren. Es scheint zum guten Ton zu gehören, dem Wirbel um die mobilen Applikationen zu folgen und neben der «klassischen» Präsenz im Web auch ein passendes Angebot für das Smartphone zu haben.
Der Apponomy-Tsunami türmt sich auf, spült viel Nützliches an den Strand der Realität, und wird – wie vieles vorher auch – irgendwann abebben. Allerdings gehe ich davon aus, dass die Abkühlungsphase nicht sehr drastisch ausfallen wird, denn gestiegene Rechenkraft und Vernetzung der heutigen Telefone bieten insgesamt viel Potenzial für nützliche Helfer. Sicherlich werden wir vielen Applikationsleichen auf unseren mobilen Geräten begegnen, die einmal installiert und nie wieder gebraucht werden. Gerade bei mobilen Anwendungen ist zu erwarten, dass die Benutzer kritischer werden und nur Applikationen mit echtem Mehrwert überleben lassen. Ist beispielsweise der Mehrwert einer lokal installierten Applikation gegenüber einer online benutzten zu klein, wird ihr die Anwenderschaft die Liebe kündigen; solche Apps sind mittelfristig als besonders gefährdete Art einzustufen. Die Anbieter von Onlinediensten jedenfalls werden sich vermehrt bemühen, ihre Websites auch in Varianten für kleine, mit demFinger bedienbare Browserfenster, anzubieten.
Wo bist du?
Smartphones, die sich lokalisieren können, bringen neue Bewegung in Dienste mitOrtsbezug. Zahlreiche «soziale Netzwerke» sind so schon entstanden und laufend kommen neue dazu. Sie beziehen sich explizit auf den aktuellen oder kommunizierten Standort des Benutzers. Auch die «klassischen» Freundesnetze und Mikroblogger erweitern ihre Dienste mit Ortsbezug. Pauschal betrachtet, scheint damit die Personalisierung von Inhalten einen weiteren Schritt gemacht zu haben – ganz so, wie Auguren zu Beginn des Webs schon voraussagten. Heute können einige Eigenschaften des Web-Surfers in die Auslieferung der Inhalte einbezogen werden, Letztere werden also massgeschneidert auf den Bildschirm gebracht. Dass damit auch die Gegenbewegung Auftrieb erhält, die sich mit Anonymisierungstechniken vor zu viel Einblick schützt, ist nur natürlich.
Instant-Web: Das Echtzeit-Fieber ist ausgebrochen
Neben der räumlichen wird auch die Zeitdimension immer mehr zum Lokalisierungsfaktor:Echtzeit – Realtime – ist das Stichwort der Stunde (oder wohl eher Sekunde). Zum Instant-Kaffee der Instant-Service, gepusht aufs Telefon oder an alle Anhänger gezwitschert. Mit dem Erlebnis, das eigene Informations- oder Mitteilungsbedürfnis sofort befriedigen zu können, steigt auch der Anspruch an klassische Webdienste. Ein paar Beispiele: Steht eine Testversion nicht sofort nach dem Abschicken des Bestellformulars zur Verfügung, kommt einfach die schnellere Konkurrenz zum Handkuss. Wird die Kundendienstanfrage per E-Mail nicht innert einiger Stunden beantwortet, folgen E-Mails mit enttäuschtem Unterton und steigender Verbalaggression, dass man doch jetzt schon mehrmals geschrieben, aber «noch immer!» keine Antwort bekommen hätte. Man kann sich zwar über dieses Verlangen nach Sofortigkeit amüsieren, aber man muss es ernst nehmen. Wer morgen mit seinen Angeboten im Web Erfolg haben will, der muss die gegenwärtigen Verhaltensmuster seiner Kunden kennen und die richtigen Schlüsse für die Zukunft daraus ziehen.
Bye-bye IE6
Der Marktanteil von Microsofts Internet Explorer Version 6 sinkt stetig und die neuesten Sicherheitsmeldungen werden diesen Rückgang noch beschleunigen. Für viele Webentwickler wird damit das Ende einer Ära von mühsamen Konstruktionen zur Erhaltung der Kompatibilität eingeläutet. Es wird auch Zeit, dass in nutzbringende Funktionen investiert wird, statt aberwitzig viele Stunden damit zu verbringen, allerlei Tricks auszutüfteln, um die Website auch auf dem letzten Browser gut aussehen und die Javascripte wie gewollt ausführen zu lassen. Die Web-Puristen haben die Schlacht gegen Javascript (Sicherheit! Einfachheit!) schon längst verloren. Die Anwender von heute erwarten sogar in sicherheitskritischen Bereichen von ihren Webanwendungen ein Javascript-gesteuertes Benutzererlebnis. Damit sind nun Browser im Vorteil, die sich um eine wirklich effiziente Javascript-Ausführung bemühen. Der deutlich gestiegene Marktanteil von Googles Chrome
untermauert diese Beobachtung.
HTML die Fünfte
Beethoven brauchte vier Jahre für seine Schicksalssymphonie. HTML 5 ist schon seit mehr als fünf Jahren in Entwicklung. Auch wenn es noch etwas dauern wird, bis der volle Umfang von HTML 5 zum Standard erhoben wird, unterstützen schon viele Browser Teile davon, (zum Beispiel Grafikfunktionen oder Videostreaming). Die Entwickler beginnen jedenfalls, mit den Neuerungen der Hypertext Markup Language zu arbeiten. Durch die neue Möglichkeit, Daten lokal für den Offlinezugriff abzulegen, wittern insbesondere «Niederschlagsanbieter» (oder wie die Anwendungen in und aus dem Cloud Computing auch heissen mögen) ihre Chance, eine Killerfrage der «Lokal-Installiert-Fraktion»auszuhebeln. Sie lautet: «... und wie schreibt ihr im Flugzeug?»
Tabletten für die gebeutelte Verlagswelt
Dem Buch wurde schon oft der Tod prophezeit und noch immer lässt es sich raschelnd durchblättern. Nichtsdestotrotz wird das tragbare elektronische Papier in diesem Jahrweiter an Plattformen undVerbreitung gewinnen. Die Prinzipien der Apponomy und elektronischer Plattenläden funktionieren genauso gut für digitale Bücher oder Zeitschriften. Das multifunktionale Tablett, wie das Anfang des Jahres präsentierte iPad von Apple, wird sich als Plattform für allerlei Anwendungen durchsetzen, bei denen mehr Lesekomfort als auf dem intelligenten Telefon gefragt ist. Diese Geräte liefern nicht nur sofort individuelle und aktuelle Inhalte, sondern bieten auch die ganze Palette an Helfer-Applikationen und das Surfen im Web. Der von abwandernden Werbegeldern arg gebeutelten Verlagsbranche sei darum geraten, die absehbare Entwicklung diesmal nicht zu verschlafen.
Netcetera