Nukleartechnologie ist nicht Thema dieses Beitrags (zumindest nicht direkt), auch wenn der Titel dies vermuten liesse. Vielmehr wage ich die These, dass der Informations- und Kommunikationstechnologie eine bedeutende – wenn nicht zentrale Rolle – bei der Bewältigung zukünftiger menschlicher Herausforderungen zukommen wird. Die ICT wird also gleichsam die Kerntechnik unserer Zukunft sein.
Einige "grosse Probleme" der Menschheit können nur global und koordiniert angegangen werden, wie die vom Weltwirtschaftsforum 2009 ins Leben gerufene Global Redesign-Initiative beispielsweise anregt. Global und koordiniert schreit förmlich nach dem Einsatz von ICT. Andere Lösungen, wie eine nachhaltige und emissionsarme Energieversorgung, benötigen neue Technologien (Cleantech). Diese wiederum werden nur mit entsprechender ICT einsatzfähig. Auch bei der Bewältigung von zunehmenden Naturkatastrophen spielt die ICT eine immer bedeutendere Rolle, sei es bei der Gefahrenerkennung, der Vorwarnung, bei Nothilfe oder beim Wiederaufbau.
Weckruf für die Welt von morgen
Die beschriebene zentrale Rolle der ICT kontrastiert stark mit der geschwundenen Attraktivität der darin aufgehobenen Berufsfelder. Die Hochschulen verzeichnen nach wie vor zu wenig "Input" um genügend "Output" an Informatikerinnen und Informatikern zu erzeugen. Auch bei der Berufsbildung würde der Arbeitsmarkt deutlich mehr Fachkräfte absorbieren, als heute verfügbar sind.
Interessanterweise ist die ICT in vielen Branchen das zentrale Produktionsmittel geworden. In der Industrie und insbesondere in verschiedensten Dienstleistungsbereichen. Gleichzeitig herrscht in vielen Chefetagen die von Nicolas Carr in "Does IT matter?" stipulierte Meinung vor, dass IT nur noch "Commodity", also ein Allerweltsgut, sei und keine differenzierende Wirkung mehr habe. Dementsprechend verursache Informatik mehr Kosten als Nutzen und man könne sie in Zukunft einfach aus der Steckdose wie Strom beziehen. Dass Energieunternehmen diesen Strom in gleichbleibender Qualität und genügender Quantität nur dank einem grossen Einsatz von ICT liefern können, sei hier doch noch vermerkt.
Inzwischen haben viele Organisationen gemerkt, dass sie einen grossen Wettbewerbsvorteil erzielen können, wenn sie ihre IT im Griff haben und deren Nutzen über die Kosten stellen. Unsere Gesellschaft ist komplett von ICT durchdrungen. Alle kommunizieren mobil, betätigen sich in sozialen Medien und können sich kaum vorstellen, wie es einst vor dem Internet war. Dennoch wird der Informatik-Beruf nach wie vor nicht als DER Job der Zukunft gesehen.
Der knurrende Wohlstandsbauch steht noch immer an erster Stelle
Aus Sicht des nüchternen Volkswirtschafters ist wirklich erstaunlich, dass beispielsweise die Landwirtschaft im Vergleich zur bedeutungsvollen ICT in Bundesbern so stark vertreten ist. Es gibt viele Argumente, die für diese Priorisierung sprechen: Der Leidensdruck in der Landwirtschaft sei hoch, der politische Einfluss sei eben historisch gewachsen und so weiter. Zwar hätte ich absolut nichts dagegen, wenn sich mehr Vertreter unserer Branche ins Parlament wählen liessen, aber inzwischen habe ich eine andere Sicht auf die starke Landwirtschafts-Vertretung in der Politik. Die Landschaftspflege mag Bestandteil der Wertschöpfung dieses Sektors sein. Die Produktion von Nahrungsmitteln bleibt jedoch zentraler Daseinszweck der Landwirtschaft. Nahrung – eines unserer wesentlichsten Grundbedürfnisse – ist demnach ganz wichtig für die Gesellschaft und folglich auch für die Politik. Unter Beifall des Bauernverbands könnte man sogar so weit gehen, den verhältnismässig tiefen Anteil der Landwirtschaft an der Wertschöpfung unseres Landes nicht als Zeichen für ihre Bedeutungslosigkeit zu sehen, sondern als Zeichen für zu tiefen Nahrungsmittelpreise.
Genau wie die Landwirtschaft ihre Bedeutung aus der Befriedigung von Grundbedürfnissen zieht, müssen auch die Vertreter der ICT aufzeigen, dass sie schon in unserer heutigen Gesellschaft und Wirtschaft eine zentrale Rolle spielen und dass ihre Rolle bei der Bewältigung zukünftiger Herausforderungen noch viel wichtiger werden wird. Dafür brauchen wir mehr ICT-kompetente Entscheidungsträgerinnen und -träger, die den zweckmässigen Einsatz von ICT steuern – schliesslich erfüllt jede Technik einen Zweck – und auch bedeutend mehr gut qualifizierte Fachleute.
Wie wird der Ast geleimt, an dem man sägt?
Ich bin überzeugt, dass wir wieder mehr am IT-Berufsfeld Interessierte finden, wenn wir die Bedeutung der ICT für die Problemlösung der Zukunft noch stärker und besser vermitteln. Genau diese zunehmende Bedeutung wird jedoch immer unsichtbarer und daran sind wir durchaus „selbst schuld“. Ingenieurinnen und Ingenieure versuchen die Technik möglichst im Hintergrund zu halten und durch eine möglichst einfache Benutzerschnittstelle, z.B. einen Lichtschalter, bedienbar zu machen. Wir sägen sozusagen am Ast, auf dem wir sitzen: Je besser wir unseren Job machen, umso weniger wird die Technik bemerkt, die dahinter steckt und umso weniger Leute interessieren sich dafür. Die Folgen sind absehbar: Weniger sind motiviert, eine ICT-Ausbildung zu durchlaufen und weniger wird für unsere Arbeit bezahlt. Deshalb müssen wir unser Tun in einen grösseren, den richtigen Kontext stellen. Die Problemlösung muss im Mittelpunkt stehen, nicht die Technik. So wird uns vielleicht auch gelingen, unsere Tätigkeit sichtbarer zu machen und damit die Attraktivität des ganzen ICT-Berufsfeldes zu steigern.
Die ICT als Kerntechnik für die Bewältigung der Herausforderungen der Zukunft zu positionieren ist keinesfalls verwegen. Die ICT ist ein Schlüsselfaktor in wichtigen Bereichen wie Klimaforschung, Gesundheitswesen, Ernährung, Gesellschaftsentwicklung, Energieversorgung und vielen anderen. Und das dürfen wir alle ruhig laut und deutlich immer wieder sagen!
Netcetera