Das Potenzial der agilen Entwicklung wird noch lange nicht ausgeschöpft

Interview mit unserem CEO

Andrej Vckovski, unser CEO und Präsident des Verbands simsa, kennt die Bedürfnisse von Agenturen und Kunden. Im Gespräch mit der Netzwoche-Redaktion verrät er, was Webentwickler dieses Jahr auf Trab halten wird.

Was sind aus Ihrer Sicht die 3 heissesten Technologietrends für Entwickler, und weshalb?

Andrej Vckovski: Machine Learning, Reactive Systems und Container. Beim Machine Learning ist in den letzten Monaten technisch und konzeptionell sehr viel gelaufen. Es gibt neue Werkzeuge, APIs und neue Generationen von Frameworks, etwa Tensorflow. Entwickler müssen nun analysieren, was Machine Learning in Projekten und bei Kunden für einen Nutzen bringt. Bei Reactive Systems geht es um Technologien und Architekturpatterns, die message-orientierte Systeme ermöglichen. Sie sind besonders robust, interaktiv und zuverlässig. Solche Komponenten werden nun auch in Mainstream-Frameworks integriert. Im Infrastruktur-Bereich sind Container ein Trend.

Welche Rolle spielen die Container-Technologien in der Webentwicklung?

Die Virtualisierung und Flexibilisierung der Intrastruktur schreitet voran und bietet Software-Teams skalierbare und elastische Modelle für das Deployment. Um aber optimal von diesen zu profitieren, sind auch entsprechende Architekturen und Entwicklungswerkzeuge notwendig. Container unterstützen ausserdem auch neue Architekturpatterns wie Micro-Services ideal. Sie können in softwaredefinierten Architekturen zudem den Grad der Automatisierung und die Reproduzierbarkeit erhöhen.

Was sind 2017 die grössten Herausforderungen für Entwickler?

Andrej Vckovski: Neue Technologien sind im Moment eine der grössten Herausforderungen. Die Softwareszene ist sehr aktiv, und Entwickler sehen sich mit vielen neuen Trends konfrontiert. Der Javascript-Bereich etwa ist ein aktives Umfeld – man könnte fast sagen hyperaktiv. Neue Frameworks, Bibliotheken und Werkzeuge schiessen wie Pilze aus dem Boden. Ideen aus dem Bereich der Funktio­nalen Programmierung oder Reactive Systems halten Einzug, und die ganze technische Landschaft verändert sich sehr schnell. Dazu kommen Trends wie Machine Learning oder Internet of Things, Architekturmodelle wie Micro-Services, Container und Serverless-Plattformen. Für Entwickler ist es eine grosse Herausforderung, in diesem Dschungel von neuen Trends die wichtigen Themen herauszufiltern, auf dem neuesten Stand zu bleiben und technologisch nicht ins Hintertreffen zu geraten.

Gibt es in der Schweiz genug gute Webentwickler?

Diese Frage kann man fast nur mit "Nein" beantworten. Es gibt viele und auch sehr gute Webent­wickler. Vor allem von der letzten Kategorie kann man aber eigentlich nie genug haben. Webtechnologien werden immer weitläufiger eingesetzt. Themen, die früher auf dem Server gelöst wurden, sind heute ins Web-Frontend gerutscht. Browser werden immer mächtigere Applikationsplattformen, Webtechnologien werden für hybride Mobile-Apps oder Fat Clients genutzt. Somit ist auch der Bedarf an guten Webent­wicklern grösser denn je.

Auf welche Qualifikationen legt die Branche besonders Wert?

Wir brauchen Entwickler mit einer soliden konzeptionellen Ausbildung. Spezifische Programmiersprachen und Technologien sind dabei weniger wichtig als Konzepte, Paradigmen und die Fähigkeit, sich in neue technische und fachliche Themen einzuarbeiten. Gute Entwickler brauchen ausserdem auch gute Fähigkeiten in nicht-technischen Bereichen. Softwareentwicklung ist keine Disziplin, die allein dasteht. Eine gute Zusammenarbeit mit Business- und Domänenspezialisten, User-Experience-Experten und Designern ist eine wichtige Voraussetzung für erfolgreiche und nachhaltige Software.

Wie sollen sich Entwickler heute weiterbilden?

Entwickler mit einem T-Profil sind heute wichtiger denn je. Entwickler brauchen ein breites Wissen, das sowohl technische wie nicht-technische Aspekte umfasst. Zusätzlich sind auch Spezialisierungen mit einem vertieften Know-how in speziellen Themen gefragt. Weiter ist es wichtig, dass Entwickler sich auch mit neuen Technologien­ und Trends befassen. Machine Learning ist beispielsweise ein Thema, dass die meisten Entwickler vielleicht noch vom Studium her kennen. In der Zukunft wird das Thema aber stark an Bedeutung gewinnen, und Entwickler müssen sich dafür fit machen.

Was kommt nach Agile und Scrum?

Ich glaube nicht, dass wir mit Agile und Scrum bereits durch sind. Agile Softwareentwicklung ist zwar bei vielen Softwarefirmen und Kunden etabliert. Das Potenzial der agilen Entwicklung wird aber in vielen Projekten und Firmen bei Weitem nicht ausgeschöpft. Damit sich agile Entwicklung wirklich ideal entfalten kann, muss es in ein entsprechendes Umfeld eingebettet sein, wo auch der Rest des Unternehmens "Agile" und "Lean" ist. Nur so können wir wirklich von den Vorteilen agiler Entwicklung profitieren.

Wie haben sich Anforderungen der Kunden für Webprojekte in den letzten Jahren geändert?

Webtechnologien und der Browser als Applikationsplattform haben sich in den letzten Jahren stark weiterentwickelt. Das brachte viele neue Anforderungen an Entwickler mit sich. Auch die Anforderungen der Kunden und Benutzer sind mit den neuen Technologien gestiegen. Bei User Experience, Interaktionsdesign und Webdesign gab es ebenfalls sehr grosse Fortschritte. Moderne Webinterfaces sehen heute völlig anders aus als noch vor ein paar Jahren. Auch hier sind die Anforderungen und Erwartungen der Kunden sehr stark gestiegen. Heute reicht es bei weitem nicht mehr aus, wenn ein Webprojekt nur die gewünschte Funktionalität abdeckt. Applikationen müssen performant, intuitiv, einfach zu bedienen, übersichtlich, flexibel und skalierbar sein. Und die Systeme werden immer geschäftskritischer. Damit steigen auch die Anforderungen an Verfügbarkeit und Sicherheit.

Wie stark werden intelligente Bots in der Branche nachgefragt?

Die Nachfrage hat zugenommen. Das Thema hat sehr viel Aktualität und Präsenz in den Mainstream-Medien erhalten. Deshalb fragen auch immer mehr Kunden danach. Wir stehen da aber sicher noch ganz am Anfang. Ich gehe davon aus, dass Angebot und Nachfrage in diesem Bereich in den nächsten Monaten und Jahren sehr stark zunehmen werden.

Wie beliebt sind eigentlich Cross-Plattform-Tools wie Xamarin und Phonegap in der Entwicklung?

Phonegap hat sich über mehrere Jahre einen soliden Platz in diesem Umfeld verschafft. Daneben sind aber mit Xamarin, React Native oder Nativescript auch Werkzeuge einer neuen Generation entstanden, die vielversprechend sind. Einerseits versprechen diese Werkzeuge eine höhere Effizienz bei der Erstellung von Applikationen für mehrere Plattformen. In einigen Fällen kann dieses Versprechen auch tatsächlich eingehalten werden. Andererseits sind Cross-Plattform-Tools aber auch interessant, weil sie es Entwicklern mit klassischen Profilen ermöglichen, neue Zielplattformen zu erschliessen. Xamarin beispielsweise ist sehr attraktiv für C#-Entwickler. Und mit React Native, Nativescript oder Electron können Webentwickler Mobile-Apps oder Fat Clients bauen.

Wie weit verbreitet sind künstliche Intelligenzen in der Entwicklung von Apps und Websites?

In der Entwicklung von Apps und Websites ist künstliche Intelligenz kein Thema. Da setzt die Industrie immer noch zu 100 Prozent auf natürliche Intelligenz. Künstliche Intelligenz ist aber sehr wohl ein Thema als Teil von Apps und Websites. Bis jetzt setzen vor allem grosse Player wie Google, Microsoft oder Amazon auf KI und Machine Learning. Neue Generationen von Werkzeugen, Algorithmen und Cloud-Services machen es heute aber möglich, KI und Machine Learning in kleineren Projekten einzusetzen. Das wird eine der grossen Herausforderungen der nächsten Jahre sein.

Welche Rolle spielt das Internet der Dinge in der Webentwicklung?

Die Grenzen des klassischen Webs sind schon seit langer Zeit aufgeweicht und flexibel. Webtechnologien werden für Integrationsthemen verwendet, Stichwort Rest-APIs. Und mobile Applikationen oder Fat Clients werden auf Basis von Webtechnologien erstellt. Mir fallen hier spontan hybride Apps und Electron ein. Dass Webtechnologien auch für IoT-Projekte genutzt werden, ist da nur eine logische Konsequenz.

Ist Virtual Reality schon ein Thema?

Virtual Reality ist durchaus ein Thema und die Aussichten sind vielversprechend. Das grösste Potential für eine Massenanwendung sehe ich allerdings in Augmented Reality. Auch hier gab es in technologischer Hinsicht sehr grosse Fortschritte. Es gibt ein paar heisse Projekte in diesem Umfeld, aber der grosse Durchbruch steht uns noch bevor.

Inwieweit spielt die Europäische Datenschutz-Grundverordnung eine Rolle?

Die Europäische Regulierung im Datenschutz und die zur Zeit in der Schweiz stattfindende Vernehmlassung zur Revision des Datenschutzgesetzes wird unsere Kunden mit Sicherheit stärker betreffen. Einerseits weiten sich die Pflichten der Datenverarbeiter aus. Andererseits werden die Konsequenzen bei Missachtung grösser sein. Wir müssen bei der anstehenden Revision darauf achten, dass wir das Augenmass behalten. Deshalb sind wir bei der Simsa auch mit einer entsprechenden Vernehmlassungsantwort aktiv.

Quelle: netzwoche.ch

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