Die Idee einer Super-App – einer Anwendung, in der Kund:innen alles erledigen können, vom Banking bis zur Taxibuchung – klingt zunächst attraktiv. Unternehmen wie WeChat (China) und Grab (Singapur) haben gezeigt, wie mächtig eine All-in-one-Plattform sein kann. Für Banken ist die Realität beim Aufbau und Betrieb einer Super-App jedoch deutlich komplexer.
Erstens geht es um Vertrauen. Kund:innen sehen Banken als Ort, an dem sie ihr Geld verwalten – nicht ihre Lebensmitteleinkäufe. Eine Studie aus dem Vereinigten Königreich zeigt, dass 60% der Konsument:innen ihrer Bank am meisten vertrauen, wenn es um den Schutz persönlicher Daten geht – mehr als der Polizei (31%), der Regierung (28%) oder Online-Shopping-Plattformen (17%). Als HSBC (UK) 2024 versuchte, mit der neuen Zing-App in Lifestyle-Services zu expandieren, blieb das Engagement ausserhalb des Kerngeschäfts gering, und der Dienst wurde 2025 wieder eingestellt. Kund:innen sahen schlicht keinen Mehrwert darin, ihre Banking-App für andere Zwecke als Finanzdienstleistungen zu nutzen.
Zweitens ist da die technische und regulatorische Komplexität. Der Aufbau einer Super-App erfordert die Integration von Drittservices, das Management zusätzlicher regulatorischer Anforderungen sowie den Umgang mit erheblichen operativen Herausforderungen.
Hinzu kommt das Risiko der Markenverwässerung. Wenn eine Bank beginnt, Ride-Hailing oder Food-Delivery anzubieten, verschwimmen die Grenzen dessen, wofür sie steht. Kund:innen könnten sich fragen, ob ihre Bank wirklich der beste Ort für ihr Geld ist, wenn sie gleichzeitig versucht, „Alles‑für‑alle‑Anbieter“ zu sein.
Und da ist noch die Konkurrenz. Big-Tech-Unternehmen wie Apple und Google dominieren bereits heute den App-Alltag. Apple Pay beispielsweise hat Zahlungen nahtlos in das iPhone integriert und macht es Banken schwer, ausschliesslich über Bequemlichkeit zu konkurrieren. Gleichzeitig zeigen Fintechs wie Revolut (UK) und N26 (Deutschland), dass Kund:innen spezialisierte Apps für Nicht-Banking-Bedürfnisse bevorzugen. Revolut, ursprünglich als digitale Bank gestartet, ist zwar in Bereiche wie Reisen und Krypto expandiert, der Kernnutzen liegt aber weiterhin bei Finanzdienstleistungen.
Die Idee, für Bankkund:innen eine Super-App zu bauen, mag also attraktiv klingen – doch es gilt viele Hürden zu überwinden, um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Und selbst dann gibt es keine Garantie, dass die App tatsächlich für mehr als klassisches Banking genutzt wird.