Warum Banken sich auf die Kundenidentität statt auf Super-Apps fokussieren

Der Druck, eine Super-App zu werden, ist in der Bankenwelt deutlich spürbar. Banken wird gesagt, sie müssten alles abdecken – Zahlungen, Shopping, Reisen, sogar Social-Features – nur um mit Fintechs und Big Tech Schritt zu halten.

Die Realität ist jedoch, dass die meisten Kund:innen gar nicht wollen, dass ihre Bank ein One-Stop-Shop für alles ist. Stattdessen wünschen sie sich eine Bank, der sie vertrauen können, wenn es um das geht, was ihnen am wichtigsten ist – ihr Geld, ihre Daten und ihre Identität.

Dieser Artikel wurde vom Tech-Tribe-Podcast „Your Identity Is Going Digital“ inspiriert, in dem Martin Zeisel, Principal Consultant bei G+D Netcetera, darüber spricht, was digitale Identität wirklich bedeutet und warum sie zum Eckpfeiler von Vertrauen und Wertschöpfung im Digital Banking wird.

In diesem Artikel fokussieren wir uns darauf, warum Banken die Hoheit über die Kundenidentität höher gewichten sollten als den Aufbau von Super-Apps, welche Chancen sich daraus ergeben und wie sich Identität in einen strategischen Vermögenswert verwandeln lässt.

Kernpunkte:

  • Super-Apps sind eine Ablenkung: Kund:innen priorisieren Sicherheit und Vertrauen gegenüber reiner Bequemlichkeit, und Banken riskieren, den Fokus und die Klarheit ihrer Marke zu verlieren, wenn sie zu viel auf einmal anbieten.
  • Identität ist die grössere Chance: Banken verifizieren bereits heute täglich Identitäten und können dies mit eIDAS 2.0 in eine wertvolle Plattform für Bereiche wie Reisen oder Gesundheitswesen überführen.
  • G+D Netcetera unterstützt Banken dabei, Identitätsprüfung in eine skalierbare, ertragsgenerierende Plattform zu transformieren.

db-identity-article

Der Reiz, eine Super-App zu bauen

Die Idee einer Super-App – einer Anwendung, in der Kund:innen alles erledigen können, vom Banking bis zur Taxibuchung – klingt zunächst attraktiv. Unternehmen wie WeChat (China) und Grab (Singapur) haben gezeigt, wie mächtig eine All-in-one-Plattform sein kann. Für Banken ist die Realität beim Aufbau und Betrieb einer Super-App jedoch deutlich komplexer.

Erstens geht es um Vertrauen. Kund:innen sehen Banken als Ort, an dem sie ihr Geld verwalten – nicht ihre Lebensmitteleinkäufe. Eine Studie aus dem Vereinigten Königreich zeigt, dass 60% der Konsument:innen ihrer Bank am meisten vertrauen, wenn es um den Schutz persönlicher Daten geht – mehr als der Polizei (31%), der Regierung (28%) oder Online-Shopping-Plattformen (17%). Als HSBC (UK) 2024 versuchte, mit der neuen Zing-App in Lifestyle-Services zu expandieren, blieb das Engagement ausserhalb des Kerngeschäfts gering, und der Dienst wurde 2025 wieder eingestellt. Kund:innen sahen schlicht keinen Mehrwert darin, ihre Banking-App für andere Zwecke als Finanzdienstleistungen zu nutzen.

Zweitens ist da die technische und regulatorische Komplexität. Der Aufbau einer Super-App erfordert die Integration von Drittservices, das Management zusätzlicher regulatorischer Anforderungen sowie den Umgang mit erheblichen operativen Herausforderungen.

Hinzu kommt das Risiko der Markenverwässerung. Wenn eine Bank beginnt, Ride-Hailing oder Food-Delivery anzubieten, verschwimmen die Grenzen dessen, wofür sie steht. Kund:innen könnten sich fragen, ob ihre Bank wirklich der beste Ort für ihr Geld ist, wenn sie gleichzeitig versucht, „Alles‑für‑alle‑Anbieter“ zu sein.

Und da ist noch die Konkurrenz. Big-Tech-Unternehmen wie Apple und Google dominieren bereits heute den App-Alltag. Apple Pay beispielsweise hat Zahlungen nahtlos in das iPhone integriert und macht es Banken schwer, ausschliesslich über Bequemlichkeit zu konkurrieren. Gleichzeitig zeigen Fintechs wie Revolut (UK) und N26 (Deutschland), dass Kund:innen spezialisierte Apps für Nicht-Banking-Bedürfnisse bevorzugen. Revolut, ursprünglich als digitale Bank gestartet, ist zwar in Bereiche wie Reisen und Krypto expandiert, der Kernnutzen liegt aber weiterhin bei Finanzdienstleistungen.

Die Idee, für Bankkund:innen eine Super-App zu bauen, mag also attraktiv klingen – doch es gilt viele Hürden zu überwinden, um in diesem Umfeld erfolgreich zu sein. Und selbst dann gibt es keine Garantie, dass die App tatsächlich für mehr als klassisches Banking genutzt wird.

Die Bedeutung, die Kundenidentität zu besitzen

Banken verfügen bereits heute über etwas, das weit wertvoller ist als eine Super-App: Sie sind die vertrauenswürdigen Hüter der Kundenidentität. Sie verifizieren Identitäten täglich – etwa bei der Kontoeröffnung, bei Kreditvergaben oder zur Betrugsprävention. Das ist ein enormes, bisher unterausgeschöpftes Potenzial – insbesondere, da digitale Identität immer wichtiger wird.

Dies lässt sich von Nicht-Banken nicht einfach kopieren. Banken haben ihre Prozesse zur Identitätsprüfung über Jahrzehnte hinweg verfeinert, Compliance-Frameworks aufgebaut und enge regulatorische Beziehungen etabliert, die das Vertrauen zusätzlich stärken. Dadurch ist ein Schutzwall entstanden, den Fintechs und Big Tech nur schwer überwinden können.

Ein Blick darauf, wie Banken Kundenidentität heute bereits managen:

  • Onboarding: Banken gleichen amtliche Ausweise (z.B. Pässe oder Führerausweise) mit offiziellen Registern ab, nutzen OCR-Extraktion und biometrische Liveness-Erkennung, um die reale Präsenz zu bestätigen und Betrug zu verhindern.
  • Authentifizierung: Sie authentifizieren Nutzer:innen bei jedem Login oder jeder Transaktion, etwa mittels Multi-Faktor-Authentifizierung (Passwörter, PIN, Fingerabdruck, Gesichtserkennung oder gerätebasierte Tokens), um sicherzustellen, dass Kund:innen wirklich die sind, die sie vorgeben zu sein.
  • Autorisierung: Sie autorisieren Handlungen anhand von Benutzerattributen (z.B. Name, Adresse, Geburtsdatum, Limiten, Risikoprofile) und binden Echtzeitprüfungen gegen Fraud-Datenbanken und regulatorische Regeln ein, um Zahlungen, Kredite oder andere sensible Aktionen freizugeben.
  • Portabilität: Sie können verifizierte Daten standardisieren und sicher teilen, z.B. über EU-eIDAS-konforme digitale Wallets oder Open-Banking-APIs. Das reduziert redundante KYC-Prozesse und erhält gleichzeitig Compliance und Vertrauen über verschiedene Services hinweg.

Diese Infrastruktur ist der eigentliche Wettbewerbsvorteil der Banken – und deutlich mächtiger, als eine eigene Super-App zu betreiben. Mit der Einführung von eIDAS 2.0 verpflichtet die EU alle Mitgliedstaaten, bis 2027 digitale Identitäts-Wallets bereitzustellen. In diesen Wallets können Bürger:innen und Bürger verifizierte Nachweise wie Pässe, Führerausweise oder sogar Gesundheitsdaten sicher speichern und teilen. Und wer ist besser positioniert, diese Nachweise auszustellen, als Banken?

shutterstock_704373337b

Monetarisierung der Kundenidentität und weitere Chancen

Neben der Stärkung von Vertrauen und Loyalität eröffnet der Besitz der Kundenidentität vielfältige Ertragschancen. Banken können ihre Identitätsinfrastruktur auf unterschiedliche Weise monetarisieren:

  • Verification-as-a-Service: Banken können Identitätsprüfung als Service für Dritte anbieten, etwa für Gig-Economy-Plattformen (z.B. Uber oder Deliveroo), die Fahreridentitäten verifizieren müssen, für E‑Commerce-Plattformen, die Altersverifikation für regulierte Produkte benötigen, oder für Reiseanbieter, die Check-ins mit verifizierten digitalen Pässen vereinfachen. Ein Beispiel: Eine Bank könnte einem Ride-Hailing-Anbieter pro Verifikation 0.20 EUR verrechnen und damit einen skalierbaren Ertragsstrom aufbauen.
  • Eingebettete Identität für Dritt-Apps: Banken können ihre Identitätsservices in andere Plattformen integrieren – etwa wenn Hotelketten bankverifizierte IDs für nahtlose Check-ins nutzen, Gesundheitsdienstleister auf verifizierte Patientendaten zugreifen oder Retailer personalisierte Rabatte auf basis verifizierter Kundenattribute anbieten.
  • Branchenübergreifende Partnerschaften: Banken können mit Behörden kooperieren, um Bezugsberechtigung für Leistungen oder Subventionen zu verifizieren, mit Gesundheitsdienstleistern, um verifizierte Gesundheitsdaten mit Ärzt:innen zu teilen, oder mit Händlern, um sofortige Altersverifikation bei altersbeschränkten Käufen zu ermöglichen.

Um eine breite Nutzung zu erreichen, müssen Banken offene Standards nutzen, wie sie etwa in eIDAS 2.0 definiert sind. Das gewährleistet Interoperabilität und erleichtert Drittparteien die Integration in die Identitätsplattform der Bank.

Viele Banken sind durch begrenzte interne Ressourcen und Technologiekompetenz herausgefordert – doch der Aufbau einer Identitätsplattform muss kein Alleingang sein. Unternehmen wie G+D Netcetera bieten Credential-Management-Systeme an, mit denen Banken Identitäten in grossem Umfang ausstellen und verifizieren können. Diese Lösungen lassen sich zudem an beliebige EUDI-Wallets anbinden, was die Einhaltung von eIDAS 2.0 erleichtert.

Herausforderungen auf dem Weg

Auch wenn Identität grosse Chancen bietet und weit weniger operative Komplexität als eine Super-App mit sich bringt, gibt es eine Reihe von Risiken, die Banken im Blick behalten müssen. Nur so kann der Fokus auf Identität Mehrwert schaffen, ohne neue Probleme zu erzeugen.

Eines der grössten Risiken ist eine Überkomplexität des Angebots. Banken könnten versucht sein, zu viele Features in ihre Identitätsplattform zu packen – mit dem Resultat einer überladenen Lösung, die Kund:innen verwirrt und den Kernnutzen schwächt. Ein verschlankter Identitätsservice, der einige wenige Dinge hervorragend macht, wird sich gegen eine überfrachtete Plattform, die alles können will, besser durchsetzen.

Ein weiterer kritischer Punkt ist der Datenschutz. Identität ist hochgradig persönlich, und Kund:innen werden nur Banken vertrauen, die mit ihren Daten äusserst sorgfältig umgehen. Banken müssen Transparenz und Einwilligung in den Vordergrund stellen, damit klar ist, welche Daten mit wem und zu welchem Zweck geteilt werden. Ohne dieses Vertrauen wird selbst die technisch stärkste Identitätsplattform keine breite Akzeptanz finden.

Trotz etablierter Technologie, Prozesse und Erfahrung sollten Banken ausserdem vermeiden, die Konkurrenz zu unterschätzen. Big-Tech-Unternehmen wie Apple und Google sowie agile Fintechs bewegen sich bereits aktiv im Identitätsmarkt. Banken können es sich daher nicht leisten, abzuwarten. Sie müssen rasch handeln, um sich als bevorzugte Anbieter digitaler Identität zu etablieren und dabei ihre bestehenden Vertrauens- und Regulierungsstärken auszuspielen.

Schliesslich sind regulatorische Herausforderungen zu adressieren. Zwar schafft eIDAS 2.0 eine solide Grundlage für digitale Identität in Europa, doch müssen Banken weiterhin ein komplexes Geflecht an Compliance-Anforderungen navigieren. Dazu gehören Datenschutzgesetze wie die DSGVO sowie branchenspezifische Regulierung rund um Finanzdienstleistungen. Die Zusammenarbeit mit Expert:innen, die diese Rahmenbedingungen verstehen, hilft Banken, voraus zu bleiben und sicherzustellen, dass ihre Identitätsplattform sowohl regelkonform als auch wettbewerbsfähig ist.

Fazit

Super-Apps mögen Schlagzeilen machen, sind für Banken jedoch eine Ablenkung von einer grösseren Chance: dem Besitz der Kundenidentität.

Banken verfügen bereits über das Vertrauen, die Infrastruktur und die regulatorische Unterstützung, um zum Rückgrat der digitalen Wirtschaft zu werden. Indem sie sich auf Identität fokussieren, können sie neue Ertragsquellen erschliessen – etwa Verification-as-a-Service für Drittplattformen. Gleichzeitig können sie Kundenbeziehungen vertiefen, indem sie nahtlosen, sicheren Zugang zu Services über verschiedenste Branchen hinweg ermöglichen – von Reisen bis zum Gesundheitswesen. Und all dies ist möglich, ohne die Komplexität, die mit Entwicklung, Betrieb und Vermarktung einer Super-App einhergeht.

 

Sind Sie bereit, zu entdecken, wie Identität den Erfolg Ihrer Bank treiben kann? Bei G+D Netcetera unterstützen wir Banken dabei, Identität mit Hilfe unserer Credential-Management-Systeme und Mobile-Wallet-Lösungen zu einer Plattform zu machen. Nehmen Sie Kontakt mit unserem Expertenteam auf und lassen Sie uns gemeinsam Ihre Identitätsstrategie weiterentwickeln.

Weitere Stories

Zu diesem Thema